„tierisch“ – natürlich – künstlich – künstlerisch
Dorothea Reese-Heim

Über die Geschichte der Beziehung des Menschen zum Tier, über die Bedeutung seiner Existenz, Nutzung und Ausnutzung, wird zur Zeit eindrucksvoll in den Medien berichtet. Überliefert wird damit auch die Kulturgeschichte Mensch/ Tier über viele Jahrtausende hinweg.

 

Gezeigt werden seine Kultstätten und die damit verbundenen Riten, die Offenlegung mythologisch/ dämonisch dargestellter Bildwelten über Fauna und Flora und die damit einhergehende spirituelle Vergöttlichung als seine existentielle Grundlage. Es ist das wechselvolle Verhältnis zwischen Mensch und Tier im Laufe der Geschichte.

Dem stehen heutige Zivilisatonstechniken im Umgang mit der Natur und seinen Ressourcen gegenüber. Damit offenbart sich ein gestörtes Verhältnis zum Tier und seiner Lebenswelt. Aber was wäre der Mensch ohne das Tier oder was ist, wenn die Natur einmal streikt?

Für was steht die Faszination Tier? Ihre Wahrnehmung in der Kunst unterlag und unterliegt den unterschiedlichsten Zeitströmungen, den jeweiligen politischen Gegebenheiten und damit verbundenen Lebensgefühl, die zu unterschiedlichsten Formen, Ausprägungen und Funktionen in der Wiedergabe des Tieres und seiner Welt führen.

 

Zum Beispiel im Expressionismus wurde unter anderem das Pferd ein Leitmotiv. Vielfältig erscheint das Tiermotiv als Illustration und Karikatur, als Satire und in Comics. Sie dienen der Personifizierung menschlicher bzw. tierischer Eigenschaften mit ihren Attributen über menschliche Analogien und Metaphern, die dem jeweiligen Menschen und umgekehrt dem Tier, zugeschrieben werden.

 

Das heißt, wenn Menschliches tierisch wird, entstehen Mensch- und Tierszenen auch in einer paradoxen Wiedergabe.

Tiere sind nicht nur in der bildenden Kunst ein beliebtes Motiv. Beispiele von Gut und Böse begegnen uns in Märchen und Legenden, in Sagen und Mythen. Darunter sind Fabelwesen, Mischwesen und Monster. Phantasien und ihre Projektionen führten zu magisch-mytischen Symbolbildern.

 

In unserem Kulturkreis bekamen neben der symbolischen Bedeutung des Pferdes besonders der Löwe und Adler eine herausragende Rolle als Statussymbol, Herrschaftsattribut und Staatsemblem, zugewiesen. Das Tier ist somit allgegenwärtig. Das Tier begegnet uns als Skulptur auf Plätzen und Straßen, als Firmenlogo und Produktname für vielerlei Wohnutensilien und Gerätschaften und natürlich im Kinderzimmer der Bär als das beliebteste Kuscheltier.

 

Es ist aber auch der Jaguar auf der Kühlerhaube, der Tiger im Tank und der Puma im Kofferraum, und unter der Motorhaube natürlich die Pferdestärke und in der Luft der fliegende Elefant (Jumbo). Für was steht der Panda?

Die Domestizierung der Tiere durch den Menschen als Nutztier und Begleiter zeichnet die Anpassungsfähigkeit der Tiere aus. Die abgöttische Liebe des Menschen zum Tier im häuslichen Zusammenleben ist ein einschneidendes und prägendes Erlebnis, dass er nicht missen möchte, zumal sich damit die Einstellung zur Kreatur grundsätzlich ändern kann.

Daraus resultiert zum Teil die Vorliebe für die Trophäen und seine Attribute als Abbild und Muster auch im modischen Bereich. Über seinen Platz in der Astrologie und Heraldik, als Glücksbringer und Talisman, mutierte das Tier zum beliebten Accessoire. Das Tier ist im Trend,  mehr gestreichelt als betrachtet? Das heißt, wenn es dem Menschen schlecht geht, geht es auch dem Tier schlecht. Das ambivalente Verhältnis zum Tier lässt es auch Leiden.

Das Tier und das Tierische, die deutsche Sprache hat viel Tierisches* zu bieten, aber nicht alles Tierische ist gut, wenn auch “tierisch“ viel los ist. Das heißt, die Faszination Tier ist bei allen Vorbehalten ungebrochen.

Die Ausstellung  „tierisch“ zeigt das in all ihren Facetten. So nehmen wir hier das Geschehen der Natur natürlich/ künstlich über Bild-, Skulptur- und Objektwiedergaben mit allen unseren Sinnen in der künstlerischen Übersetzung wahr.

 

Nur sollte man dabei bedenken: „Die Natur ist weder gut noch böse, das Denken erst macht es dazu“, wie es Erwin Schrödinger formuliert. „Kein natürliches Geschehen ist gut oder böse an sich, und ebenso ist es an sich weder schön noch hässlich.

Es fehlen die Werte, und insbesondere fehlen Sinn und Zweck. Die Natur handelt nicht nach Zwecken; es gibt nur die ursächlichen Verknüpfungen“.

Eben wegen der Omnipräsenz des Tieres in unserer Lebenswelt haben wir darauf verzichtet, einen weiteren neuen schriftlichen Beitrag zu liefern und uns statt dessen am gewaltigen Fundus der europäischen Kulturgeschichte bedient.
Dabei haben wir uns die Freiheit genommen, willkürlich und aus dem Zusammenhang gerissen, rein subjektiv eine Auswahl von schon Gedachtem anzubieten: Da kommen wortgewaltig Hegel und Marx zu Wort, Charles Darwins Betrachtungen finden sich neben Aesops Fabeln, Plinius´ Naturgeschichte neben Rabelais, um nur einige zu nennen.

Die Texte beleuchten in unterschiedlicher Weise begrifflich oder allegorisch, auch mal fabelhaft und/ oder deftig unser Verhältnis zu unserer natürlichen Seite, - und damit "natürlich" auch zu unseren Nachbarn, den Tieren.
So ist mit all den Zitaten der Katalog nicht nur als Bilderbuch, sondern auch als Lesebuch gedacht, eine Aufforderung an die Besucher, Bezüge zu setzen zwischen Texten und den ausgestellten Werken und damit einen hoffentlich `tierischen Spaß´ zu finden.


Dazu Goethe in seiner ‘Weltseele‘: „Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen und haben sich, eh man es denkt, gefunden; der Widerwille ist auch mir verschwunden, und beide scheinen gleich mich anzuziehen.“

 

 

* Spinnefeind, wilde Hummel, blöde Kuh, Bären aufbinden, Elefant im Porzellanladen, wo der Hund begraben liegt, dich soll der Kuckuck holen, mit den Wölfen heulen, der Wolf  im Schafspelz, das schwarze Schaf, Bärenhunger, schnurrt wie ein Kater, brummt wie der Bär, stolz wie ein Pfau, diebische Elster, schlauer Fuchs, falsche Schlange, Kröte schlucken, krummer Hund, dumme Kuh, blöde Ziege, Schweinehund, fiese Ratte, Trampeltier, Saukerl, Drecksau, Ohrwurm, aalglatt, Schlangestehen, Schneckentempo, Schmetterlinge im Bauch, mein lieber Schwan usw.